Artikel mit Tag Süßblatt
Montag, 14. Juni 2010
Stevia kurz vor der Zulassung in Europa?
Geschrieben von Melanie
um
12:41 Uhr
in Lebensmittel & Recht, Produkte
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Die Frage stand schon öfter im Raum. Doch laut Top agrar hat Frankreich jetzt erstmalig eine Ausnahmegenehmigung der EU erhalten, einen Zusatzstoff der Stevia Pflanze (Rebausid A) zu verwenden. Die Chancen stehen also gut, dass bald eine EU-weite Zulassung erfolgt.
Doch worum geht's eigentlich?
Die aus den Subtropen stammende Pflanze Stevia rebaudiana, auch Süßkraut, Süßblatt oder Honigkraut genannt, wird bereits seit Jahrhunderten als natürlicher Süßstoff verwendet. Steviolglycoside sind intensive Süßungsmittel, die aus den Blättern der Pflanze gewonnen werden. Zu diesen Süßungsmitteln gehören unter anderem Steviosid und Rebaudiosid, sie sind 40- bis 300-mal süßer als Haushaltszucker. Doch in der EU ist Stevia als Lebensmittel-Zusatzstoff bislang nicht zugelassen. Das könnte sich jetzt ändern, denn am 14. April wurde von der EFSA eine positive Bewertung der Steviolglycosiden veröffentlicht. Seither ist eine Zulassung sehr wahrscheinlich. Die Ausnahmegenehmigung für Frankreich wird als weiteres wichtiges Indiz gewertet.
Die Industrie erwartet die Zulassung von Stevia sehnsüchtig, erwartet man sich von der Pflanze doch nichts geringeres als die Revolution des Süßstoffmarktes. Denn im Gegensatz zu den meisten Süßstoffen sind die Steviolglycosoide ein rein pflanzliches Süßungsmittel und geschmacklich unterscheidet es sich, je nach Gewinnungsart, kaum von Haushaltszucker.
Doch wenn das alles so einfach und so gut ist, stellt sich die Frage, wieso die EU-weite Zulassung bereits so lange auf sich warten lässt. Stevia stand geraume Zeit unter anderem in dem Verdacht, krebserregend zu sein. Laut EFSA konnten aktuelle Studien dies jedoch nicht bestätigen: "Toxikologische Tests haben gezeigt, dass die Substanzen weder genotoxisch noch krebserregend sind und auch keine negativen Auswirkungen auf die Fortpflanzungsorgane des Menschen oder das ungeborene Leben haben." Die maximal zulässige Aufnahmemenge (ADI-Wert) wurde allerdings auf 4 mg pro kg Körpergewicht festgelegt. Und hier liegt wieder ein Problem. "Die EFSA legt den unbedenklichen Höchstwert auf 4 Milligramm (mg) Stevia-Extrakt pro Kilogramm Körpergewicht am Tag fest. Ein Liter Limonade müsste mit ungefähr 600 mg Stevia-Extrakt gesüßt werden. Ein Kind mit 18 Kilogramm könnte dann nicht einmal ein Glas (0,2 Liter) dieser mit Stevia gesüßten Limonade trinken. Das würde bedeuten, dass der Hersteller verpflichtet wird, den Vermerk "Für Kinder nicht geeignet" auf das Etikett seiner Limonade zu schreiben oder aber, dass er zusätzlich zu Stevia Zucker oder andere Süßstoffe in seiner Limonade verwenden müsste. Der Verbraucher hingegen wäre durch solche Vermerke verunsichert und hätte letztendlich selbst ein gewisses Gesundheitsrisiko zu tragen. Viele würden dann wahrscheinlich auf den Kauf von steviagesüßten Getränken verzichten", so Stevia-Experte Udo Kienle von der Universität Hohenheim, im Interview mit n-tv.de.
Seiner Meinung nach tragen die Lebensmittelkonzerne selbst die Schuld an dieser neuerlichten Misere. Seiner Meinung nach hätten bereits vor Jahren Langzeitstudien in Auftrag gegeben werden müssen, um die Unbedenklichkeit von Stevia nachzuweisen. Und er fügt hinzu, dass solche Studien auch dazu beitragen hätten können, die weiteren positiven Wirkungen von Stevia zu belegen: "Senkung des Blutdrucks, Linderung von Rheuma, Gewichtsabnahme etc. [...] Dazu kommt, dass Stevia Vitamin C wesentlich langsamer abbaut. Die synthetischen Süßstoffe Aspartam und Saccharin hingegen bauen dieses Vitamin massiv ab." Seiner Meinung nach ist das nicht geschehen, da Stevia ein Naturprodukt ist, und sich kein Einzelner ein Patent darauf hätte sichern können.
In den USA ist Stevia bereits seit einiger Zeit zugelassen. Kienle geht davon aus, dass die EU gegen Ende des Sommers eine Entscheidung treffen wird. Die Zulassung von Stevia ist aktuell recht wahrscheinlich. Die von der EFSA vorgegebene Höchstmengenbeschränkung, bedeutet für die Hersteller jedoch mehr Probleme als Nutzen. Von daher bleibt abzuwarten, wie es hier weitergehen wird.
Wer mehr über Stevia erfahren möchte, der findet hier Kienles Beitrag für "Journal Culinaire": Stevia rebaudiana. Natürliche Süße im Behördendschungel (PDF).



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